16.07.2015 | "Inklusion macht schlau"

Fachtag zur inklusiven Lernkultur von BiP und BWMK
mit Gastredner Professor André Frank Zimpel stieß auf großes Interesse


„Die Vielfalt sehen statt das Chaos zu befürchten" - mit diesem Zitat der Pädagogin Hilde Steppe wurden die Teilnehmer des Fachtags „Inklusive Lernkultur" im Hörsaal des Bildungshauses Main-Kinzig in Gelnhausen empfangen. Der Psychologe und Lehrer Professor André Frank Zimpel von der Universität Hamburg beein-druckte mit einem Fachvortrag über die Lernfähigkeit von Menschen mit und ohne Beeinträchtigungen. Sei-ne Zusammenfassung: „Inklusion macht schlau!"

Rund 70 Teilnehmer - vorwiegend aus Schulen und Kindertageseinrichtungen - nutzten die Gelegenheit, um sich zu informieren. Beim gemeinsamen Austausch betonten viele, dass der Wissensbedarf auf diesem Gebiet groß sei. Die Bildungspartner Main-Kinzig (BiP) und das BWMK (Behinderten-Werk Main-Kinzig e.V.) hatten zu der Fachtagung eingeladen, um Interessierten die Möglichkeit zu geben, sich tiefergehend mit dem Thema inklusive Lernkultur zu beschäftigten. Über allem stand die Frage: Welche Voraussetzungen brau-chen Kinder und Erwachsene mit und ohne Beeinträchtigungen, um eigenständig beziehungsweise vonein-ander lernen zu können? Und: Wo liegen die Vorteile einer solchen Lernkultur, die alle einschließt?

Noch seien viele Barrieren zu überwinden, wie der stellvertretende Vorstandsvorsitzende des BWMK, Joa-chim Schröck, erklärte. Nach wie vor sei die Gesellschaft in vielen Bereichen exklusiv. „Wir brauchen die Wissenschaft, wir brauchen eine Vision, aber vor allem brauchen wir Menschen, die Vielfalt wahrnehmen und leben. An der Gestaltung von barrierefreien und gemeinschaftlichen Lern- und Lebensräumen wollen wir mitwirken."

Auch Horst Günther, Geschäftsführer der kreiseigenen Gesellschaft Bildungspartner Main-Kinzig (BiP), nahm die Zukunft in den Blick und betonte, dass der Fachtag Impulse für die Bildungsarbeit geben solle. „Wir wollen zeigen, welche Veränderungen und Verbesserungen in Schulen und anderen Bildungsinstitutio-nen möglich sind, um den Weg für eine inklusive Lernkultur zu bereiten", betonte er.

Es gehe darum zu erkennen, welche Chance in der Inklusion liege, betonte Professor André Frank Zimpel. „Institutionen lernen sehr langsam", kritisierte er. Das deutsche Bildungssystem werde den Anforderungen der modernen Wissensgesellschaft nicht gerecht. Die Institutionen seien auf Selektion getrimmt, aber dieser selektive Gedanke passe nicht mehr zu den Anforderungen der Wirtschaft. „Heute sind gebildete Arbeitneh-mer wichtig. Und zwar solche, die gute soziale Fähigkeiten mitbringen und teamfähig sind." Die Aufgaben würden zunehmend komplexer - die Fähigkeit, auf andere einzugehen und gemeinsam die beste Lösung zu erarbeiten immer wichtiger. Der Perspektivenwechsel werde in Inklusionsklassen von Beginn an eingeübt. „Momentan profitieren vor allem Kinder ohne Beeinträchtigungen von inklusiver Bildung", unterstrich Zimpel. Sie lernten, sich in andere hineinzuversetzen, sie zu verstehen und einzubinden. Das Monopol der Wissens-vermittlung sei den Schulen durch die modernen Informationstechnologien längst abhanden gekommen. Wissen gebe es auf Knopfdruck. Nicht aber das Vermögen, soziale Beziehungen zu vermitteln, aufzubauen und zu nutzen, so Zimpel.

Gleichzeitig sei es die Aufgabe von Schule und anderen Bildungsinstitutionen, Kinder und Erwachsene mit und ohne Beeinträchtigungen zu verstehen und die für sie besten Lernvoraussetzungen zu schaffen. Schon seit Jahren forscht der Wissenschaftler auf den Gebieten Lernen und Entwicklung - insbesondere seine Erkenntnisse über die Eigenschaften und die Entwicklungsmöglichkeiten von Menschen mit Down-Syndrom und Autismus stießen bei den Tagungsteilnehmern auf großes Interesse und teilweise auf Erstaunen. So berichtete Zimpel, dass Menschen mit Down Syndrom nur zwei Dinge simultan erfassen können - neuroty-pische Menschen hingegen vier. Daraus ergebe sich, dass völlig andere Methoden der Wissensvermittlung angewandt werden müssen. Mit einem kurzen Film über den Spanier Pablo Pineda, der als erster Mensch mit Down Syndrom einen universitären Abschluss erwarb, demonstrierte Zimpel eindrucksvoll, was alles im Bereich des Möglichen liegt, wenn das Lernumfeld an die Bedürfnisse der Menschen angepasst wird.

Sein durchweg motivierender Vortrag mündete in der Feststellung: „Es geht immer was. Wir müssen den Mut haben, an Grenzen zu gehen und diese bisweilen auch zu überschreiten", meinte er.

„Inklusion wird sich durchsetzen", betonte er. Das Vermögen soziale Begegnungen zu gestalten werde in einer Smartphone- und Laptop-dominierten Welt immer wichtiger. „Und hier bietet inklusives Lernen eine riesige Chance."

Mit einem Vortrag über die Unterrichtspraxis und Methodenvielfalt in der Sophie-Scholl-Schule Hanau, einer inklusiven Grundschule mit Ganztagsangebot, die 2013 vom BWMK eröffnet wurde, rundete Schulleiterin Mareike Meister den impulsreichen Fachtag ab. Sie beschrieb, wie die Basis für Wissensvermittlung und soziales Lernen im Unterricht für Kinder mit vielfältigen Eigenschaften geschaffen werden kann. „Inklusion heißt nicht ‚für alle das Gleiche‘, sondern für alle das, was sinnvoll und möglich ist." Gesprächskreise, Zuhö-ren, Sich-Mitteilen, Lernen in der Gruppe oder Einzelförderung, Wochenpläne und Freiarbeit sowie viele weitere Elemente mehr seien Mittel zu diesem Ziel. Daher bedürfe es besonders der vorausschauenden Unterrichtsplanung und des intensiven Austauschs im Team. Teamstrukturen seien besonders wichtig, um den Prozess der inklusiven Schulentwicklung konstruktiv zu gestalten. Mit einer angeregten Diskussionsrun-de endete ein inhaltsreicher Fachtag zur inklusiven Lernkultur.

 

Bild zur PM vom 16.07.2015


Das Bild zeigt André Frank Zimpel 

 

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